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Blog-Artikel

von M. Sc. Psych. Marie-Lena Nehring

Generalisierte Angststörung bei Kindern und Jugendlichen - was Eltern wissen sollten

Autorin: M.Sc.Psych. Marie-Lena Nehring

Marie-Lena Nehring, M.Sc.Psych., ist eine erfahrene Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in den FZP Fachzentren für Psychotherapie. Sie ist in den Standorten in Köln und Bonn tätig. Dort behandelt Marie-Lena Nehring alle psychischen Beschwerden von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen (bis 21 Jahre).

Generalisierte Angststörung bei Kindern und Jugendlichen – Was Eltern wissen sollten

Wenn Kinder oder Jugendliche unter einer generalisierten Angststörung leiden, stehen nicht einzelne konkrete Ängste im Vordergrund, sondern eine dauerhafte, oft schwer greifbare innere Anspannung. Viele Eltern beschreiben, dass ihr Kind „sich ständig Sorgen macht“ – und zwar über ganz unterschiedliche Themen. Genau das ist ein zentrales Merkmal dieser Störung.

Die sogenannte Generalisierte Angststörung (GAS) beschreibt anhaltende, übermäßige Sorgen, die sich auf viele Lebensbereiche beziehen können. Dazu gehören beispielsweise die eigene Gesundheit, schulische Leistungen, soziale Beziehungen, Regeln und Erwartungen – oder sogar globale Themen wie Umwelt oder Weltgeschehen. Die Gedanken kreisen immer wieder um mögliche Probleme, auch wenn objektiv kein akuter Anlass besteht.

Für die betroffenen Kinder und Jugendlichen ist das sehr belastend. Die Sorgen fühlen sich nicht „übertrieben“ an, sondern real und dringend. Viele erleben dadurch einen erheblichen Leidensdruck oder sind im Alltag eingeschränkt – etwa in der Schule, im Umgang mit Gleichaltrigen oder beim Einschlafen.

Unterschiede zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen

Sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern steht die übermäßige, kaum kontrollierbare Sorge im Mittelpunkt der generalisierten Angststörung. Dennoch gibt es wichtige Unterschiede darin, wie sich die Störung äußert.

Im Erwachsenenalter wird die Generalisierte Angststörung (ICD-10: F41.1) als eine anhaltende, nicht auf bestimmte Situationen begrenzte Angst beschrieben. Typisch sind ausgeprägte körperliche Symptome wie Herzklopfen, Schwitzen, Zittern oder Atembeschwerden. Viele Betroffene berichten von einer dauerhaften inneren Anspannung, die sich auch körperlich deutlich bemerkbar macht.

Bei Kindern hingegen wird die sogenannte Generalisierte Angststörung des Kindesalters (F93.80) diagnostiziert. Sie gehört zu den emotionalen Störungen mit Beginn in der Kindheit. Hier stehen weniger die körperlichen Symptome im Vordergrund, sondern vor allem die anhaltende Besorgnis und Unsicherheit.

Kinder zeigen häufig:

  • starkes Bedürfnis nach Rückversicherung („Ist das wirklich so?“, „Passiert nichts?“)
  • wiederholtes Nachfragen („Was ist, wenn…?“)
  • klammerndes Verhalten gegenüber Bezugspersonen
  • Schwierigkeiten, Unsicherheit auszuhalten

Körperliche Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen können zwar auftreten, sind aber diagnostisch weniger zentral als bei Erwachsenen.

Für die Diagnose bei Kindern müssen mehrere typische Symptome vorliegen, darunter zum Beispiel Nervosität, schnelle Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Reizbarkeit, Muskelanspannung oder Schlafstörungen.

Im Jugendalter nähert sich das Störungsbild zunehmend dem der Erwachsenen an. Jugendliche berichten häufiger auch von körperlichen Angstsymptomen wie Herzrasen, Übelkeit oder Atembeschwerden. Manche erleben zusätzlich beunruhigende Gefühle wie „nicht richtig da zu sein“ oder die Angst, die Kontrolle zu verlieren.

Wie häufig ist eine generalisierte Angststörung?

Die generalisierte Angststörung ist keine seltene Erkrankung. Man geht davon aus, dass etwa 2–4 % aller Kinder und Jugendlichen betroffen sind. Im Jugendalter tritt sie häufiger auf als im Kindesalter, und Mädchen sind insgesamt häufiger betroffen als Jungen.

Das bedeutet auch: Viele Familien sind mit diesem Thema konfrontiert – auch wenn darüber oft wenig gesprochen wird.

Wann sollten Eltern aufmerksam werden?

Viele Kinder machen sich Sorgen – das gehört zur Entwicklung dazu. Entscheidend ist jedoch das Ausmaß.

Ein Hinweis auf eine behandlungsbedürftige Angststörung kann sein, wenn:

  • die Sorgen übermäßig stark und dauerhaft sind
  • sich das Kind kaum noch beruhigen lässt
  • der Alltag deutlich beeinträchtigt ist
  • das Kind stark unter den Ängsten leidet
  • Rückversicherungen nur kurzfristig helfen

Oft entsteht ein Kreislauf: Das Kind fragt nach Beruhigung, die Eltern geben sie – kurzfristig hilft das, langfristig verstärkt es jedoch die Angst, weil das Kind nicht lernt, Unsicherheit selbst auszuhalten.

Typische Alltagsbeispiele aus Familien

Im Alltag zeigt sich eine generalisierte Angststörung bei Kindern und Jugendlichen oft nicht auf den ersten Blick als „Angst“, sondern eher als ständige Unruhe, viele Fragen oder ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis. Für Eltern kann das verwirrend sein – vor allem, weil die Sorgen oft wechseln und auf den ersten Blick „übertrieben“ wirken, für das Kind jedoch sehr real sind.

Ein häufiges Beispiel ist die Situation am Abend. Während andere Kinder zur Ruhe kommen, beginnen bei betroffenen Kindern die Gedanken erst richtig zu kreisen. Fragen wie „Was ist, wenn morgen etwas Schlimmes passiert?“ oder „Was, wenn ich krank werde?“ tauchen immer wieder auf. Das Einschlafen wird dadurch schwierig, oft kommen Kinder mehrfach aus dem Bett, um sich rückzuversichern. Eltern hören dann Sätze wie: „Versprichst du mir, dass alles gut ist?“ oder „Bist du morgen früh noch da?“

Auch morgens vor der Schule können sich die Sorgen zeigen. Manche Kinder haben große Angst, etwas falsch zu machen, sich zu blamieren oder den Erwartungen nicht zu genügen. Sie überlegen schon beim Aufstehen, was alles schiefgehen könnte. Das kann dazu führen, dass sie trödeln, sich verweigern oder körperliche Beschwerden entwickeln – zum Beispiel Bauchschmerzen oder Übelkeit.

Im schulischen Kontext fällt oft auf, dass diese Kinder sehr perfektionistisch sind. Sie kontrollieren ihre Hausaufgaben mehrfach, fragen häufig nach, ob „alles richtig“ ist, oder haben große Angst vor Klassenarbeiten – selbst wenn sie gut vorbereitet sind. Ein kleiner Fehler kann dann als großes Problem erlebt werden.

Auch im sozialen Bereich zeigen sich typische Muster. Kinder mit einer generalisierten Angststörung machen sich oft viele Gedanken darüber, was andere über sie denken könnten. Nach einem Treffen mit Freundinnen oder Freunden grübeln sie vielleicht lange: „War ich komisch? Habe ich etwas Falsches gesagt?“ Dieses Grübeln kann noch lange nachwirken und dazu führen, dass soziale Situationen zunehmend anstrengend werden.

Ein weiteres typisches Verhalten ist das wiederholte Einholen von Rückversicherung. Eltern kennen vielleicht Situationen, in denen ihr Kind immer wieder die gleichen Fragen stellt: „Ist das sicher?“, „Kann nichts passieren?“, „Habe ich das richtig gemacht?“ Auch wenn diese Fragen beantwortet werden, hält die Beruhigung meist nur kurz an – die nächste Sorge folgt oft schon wenig später.

Manche Kinder entwickeln zudem eine starke Sorge um ihre Bezugspersonen. Sie haben Angst, dass den Eltern etwas passieren könnte, und reagieren sehr empfindlich auf Trennungen. Schon kleine Veränderungen im Alltag – etwa ein späteres Nachhausekommen – können intensive Unruhe auslösen.

Wichtig ist zu verstehen:

Diese Verhaltensweisen sind kein „Trotz“ und keine „Übertreibung“. Sie sind Ausdruck einer inneren Unsicherheit und eines starken Bedürfnisses nach Kontrolle und Sicherheit. Für das Kind fühlen sich die Sorgen real und bedrohlich an – auch wenn sie von außen betrachtet unwahrscheinlich erscheinen.

Gerade deshalb ist ein verständnisvoller Blick so wichtig. Denn hinter all diesen Fragen, Gedanken und Verhaltensweisen steckt letztlich ein Kind, das versucht, mit einer großen inneren Anspannung zurechtzukommen.

Was Eltern konkret tun können

Wenn das eigene Kind unter ständigen Sorgen leidet, fühlen sich viele Eltern zunächst hilflos. Der Impuls, das Kind zu beruhigen, ist ganz natürlich – und wichtig. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass es nicht nur darauf ankommt, dass Eltern unterstützen, sondern auch wie.

Ein erster hilfreicher Schritt ist, die Sorgen des Kindes ernst zu nehmen. Auch wenn die Inhalte aus Erwachsenensicht unrealistisch wirken, sind die Gefühle des Kindes echt. Sätze wie „Das ist doch gar nicht so schlimm“ oder „Du brauchst keine Angst zu haben“ sind gut gemeint, führen aber oft dazu, dass sich das Kind nicht verstanden fühlt. Hilfreicher ist es, zunächst zu spiegeln:

„Ich merke, dass dich das gerade sehr beschäftigt“ oder „Das fühlt sich für dich wirklich beängstigend an.“

Gleichzeitig ist es wichtig, nicht dauerhaft in die Rolle der „Beruhigungsquelle“ zu geraten. Kinder mit einer generalisierten Angststörung suchen häufig wiederholt Rückversicherung. Kurzfristig hilft das – langfristig verstärkt es jedoch die Angst, weil das Kind nicht lernt, sich selbst zu regulieren. Eltern können hier sanft gegensteuern, indem sie nicht jede Frage sofort beantworten, sondern das Kind ermutigen, eigene Antworten zu finden:

„Was denkst du denn selbst?“ oder „Wie wahrscheinlich ist das wirklich?“

Hilfreich ist es auch, gemeinsam über Angst zu sprechen und sie verständlich zu machen. Kinder profitieren davon, wenn sie lernen: Angst ist nichts Gefährliches, sondern ein Gefühl, das kommt und wieder geht. Eltern können ihrem Kind vermitteln, dass man Angst aushalten kann, ohne sofort etwas dagegen tun zu müssen.

Im Alltag kann es unterstützen, kleine Schritte in Richtung mehr Selbstständigkeit zu fördern. Wenn ein Kind zum Beispiel Angst vor bestimmten Situationen hat, geht es nicht darum, diese komplett zu vermeiden, sondern sie in machbaren Schritten anzugehen. Wichtig ist dabei ein ruhiges, ermutigendes Begleiten – nicht Druck oder Überforderung.

Struktur und Verlässlichkeit im Alltag geben zusätzlich Sicherheit. Feste Abläufe, klare Absprachen und vorhersehbare Übergänge helfen vielen Kindern, sich weniger ausgeliefert zu fühlen. Gleichzeitig sollten Eltern darauf achten, nicht aus Angst vor der Angst alles zu kontrollieren oder anzupassen – auch das kann die Unsicherheit langfristig verstärken.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Umgang mit den eigenen Gefühlen. Eltern erleben die Ängste ihres Kindes oft selbst als belastend. Umso wichtiger ist es, auch auf sich selbst zu achten und sich gegebenenfalls Unterstützung zu holen. Kinder profitieren sehr davon, wenn ihre Eltern ruhig und zuversichtlich bleiben – auch wenn das nicht immer leicht ist.

Nicht zuletzt gilt: Man muss diesen Weg nicht allein gehen. Wenn die Sorgen des Kindes den Alltag stark beeinträchtigen oder über längere Zeit bestehen, ist es sinnvoll, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine frühzeitige Unterstützung kann viel dazu beitragen, dass sich die Angst nicht weiter verfestigt.

Im Kern geht es darum, eine gute Balance zu finden:

Verständnis zeigen – und gleichzeitig Vertrauen in die Bewältigungsfähigkeit des Kindes stärken.

Diagnostik – der erste wichtige Schritt

Bevor eine Therapie beginnt, steht immer eine sorgfältige Diagnostik. Diese erfolgt in der Regel durch Gespräche mit dem Kind und den Eltern sowie durch standardisierte Fragebögen.

Dabei wird nicht nur geprüft, ob eine generalisierte Angststörung vorliegt, sondern auch, ob eventuell weitere Themen eine Rolle spielen – zum Beispiel andere Angststörungen, depressive Symptome oder Belastungen im Umfeld.

Eine fundierte Diagnostik ist wichtig, um die passende Unterstützung zu planen.

Verhaltenstherapie als wirksame Behandlung

Die kognitive Verhaltenstherapie gilt als Behandlung der ersten Wahl – sowohl bei Kindern als auch bei Jugendlichen und Erwachsenen.

Ein zentraler Bestandteil ist die Psychoedukation. Das bedeutet: Kinder und Eltern lernen gemeinsam zu verstehen, was Angst eigentlich ist. Angst wird dabei nicht als „Fehler“ betrachtet, sondern als grundsätzlich sinnvolle Reaktion des Körpers, die jedoch aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Darauf aufbauend lernen Kinder:

  • ihre Sorgen besser zu erkennen
  • typische „Sorgenkreisläufe“ zu verstehen
  • Gedanken zu hinterfragen und realistischer einzuschätzen

Gerade bei jüngeren Kindern wird oft mit Bildern gearbeitet, zum Beispiel mit einem „Sorgenmonster“, das die Ängste symbolisiert. Dadurch wird das Thema greifbarer und weniger bedrohlich.

Ein besonders wichtiger Baustein ist die sogenannte Exposition. Dabei geht es nicht darum, Kinder zu überfordern, sondern ihnen Schritt für Schritt zu helfen, Unsicherheit auszuhalten, ohne sofort nach Beruhigung zu suchen oder Sorgen zu vermeiden.

Das Ziel ist:

Das Kind lernt, dass Angst zwar unangenehm ist – aber aushaltbar und vorübergehend.

Die Rolle der Eltern – ein entscheidender Faktor

Im Kindes- und Jugendalter spielt die Einbindung der Eltern eine zentrale Rolle.

Eltern befinden sich oft in einem Dilemma: Sie möchten ihr Kind verständlicherweise beruhigen und schützen. Gleichzeitig kann genau dieses Verhalten ungewollt dazu beitragen, dass die Angst bestehen bleibt.

In der Therapie lernen Eltern daher:

  • wie sie ihr Kind unterstützen können, ohne die Angst zu verstärken
  • wie sie Sicherheit geben, ohne Vermeidung zu fördern
  • wie sie mit wiederholten Rückversicherungsfragen umgehen

Es geht nicht darum, weniger fürsorglich zu sein – sondern darum, hilfreich und stärkend zu begleiten.

Ergänzende Behandlungsmöglichkeiten

Neben der Verhaltenstherapie können auch weitere Ansätze unterstützend wirken, zum Beispiel:

  • Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelrelaxation
  • Achtsamkeitsübungen
  • körperorientierte Methoden
  • systemische Therapieansätze

Welche Bausteine sinnvoll sind, hängt immer vom einzelnen Kind und seiner Lebenssituation ab.

Wann sind Medikamente sinnvoll?

In manchen Fällen kann eine medikamentöse Unterstützung sinnvoll sein – insbesondere dann, wenn die Symptome sehr stark ausgeprägt sind oder die Psychotherapie allein nicht ausreicht.

Bei Jugendlichen (und Erwachsenen) kommen dabei häufig bestimmte Antidepressiva (z. B. SSRI) zum Einsatz. Bei Kindern wird der Einsatz besonders sorgfältig abgewogen und erfolgt in der Regel nur unter fachärztlicher Begleitung.

Ein wichtiger Gedanke zum Schluss

Auch wenn die Situation für betroffene Kinder und ihre Familien sehr belastend sein kann:

Eine generalisierte Angststörung ist gut behandelbar.

Mit der richtigen Unterstützung können Kinder lernen, ihre Ängste besser zu verstehen und einen neuen Umgang damit zu entwickeln. Schritt für Schritt gewinnen sie wieder mehr Sicherheit, Vertrauen in sich selbst – und Lebensqualität.

Und auch für Eltern gilt:

Sie müssen diesen Weg nicht allein gehen. Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -psychotherapeuten in den FZP Fachzentren für Psychotherapie in Köln, Bonn, Düsseldorf und Aachen beraten und unterstützen Sie. Als approbierte Kinderpsychologen kennen sie sich mit der Thematik aus und haben bereits zahlreichen Kindern bei Beschwerden einer Generalisierten Angststörung geholfen. Nehmen Sie daher unverbindlich mit uns Kontakt auf.

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